Das sagt die Presse

zitty 05/2011: Wie man Wünsche beim Schwanz packt

Parcourtheater

Beatrice Murrmanns Figuren wollen sich amüsieren - eine exzessive Suche nach dem kleinen Glück, nachts in Berlin. Der Zuschauer durchschreitet eine surreale Collage aus Theaterspiel, Videokunst, Musikkomposition und Gedichten.

Wenn Genies das Metier wechseln, entsteht nicht unbedingt gleich ein geniales Werk. Das beweist Pablo Picassos Theaterstück, das er Anfang der 40er Jahre in Paris in drei Tagen herunter schrieb, eine Übung in der gerade modernen Methode der Écriture automatique. Der Malerfürst entwarf einen pikanten erotischen Reigen, ein Rätselspaß für sublime Kenner, die Beziehungen zwischen Personen aus Picassos damaligem Umfeld und Stückfiguren wie Klümpchen und Zwiebel, den Wauwaus sowie der fetten und der mageren Angst herstellen können. Alle anderen haben weniger Genuss und müssen sich mit einer erstaunlich plumpen Erotik aus männlicher Sicht zufrieden geben.

Regisseurin Beatrice Murmann hat sich dennoch an den Stoff herangetraut und ihn in ein recht beachtliches Parcourstheater überführt. Das Publikum schlendert durch diverse Räume der zweistöckigen Galerieetagen in der Spandauer Straße. Acht komplett in weiß gekleidete Spieler zeigen in szenischen Miniaturen alltägliche Streits um Geld, Respekt und Bedürfnisbefriedung, mal verstricken sie sich in Zärtlichkeiten miteinander, dann wieder fliehen sie voreinander. Weil man selbst in Bewegung bleibt und im Antlitz des Mitpublikums die schwankenden Zustände von Vergnügtsein, Irritation und völliger Verständnislosigkeit beobachten kann, ist der Abend sogar kurzweilig.

Womöglich wäre es noch ein wenig abwechslungsreicher gewesen, das Ganze gleich in der Liegesofa-Abteilung des vor kurzem noch in diesen Räumen beheimateten Möbelhauses zu inszenieren. Jetzt geben die kahlen weißen  Wände dem Spektakel eine White-Cube-Anmutung, was ja für den Künstler Picasso ganz treffend ist. Als Gewinn kann man die an Metaphern aus Küche und Garten reiche Sprache Picasso mitnehmen; herrlich sinnliche Eindrücke über das Aroma von Früchten und die Konsistenz des Fruchtfleischs. Ein wackerer Versuch, ein nicht zu Unrecht selten gespieltes Stück aufzuführen.

Tom Mustroph

 

Neues Deutschland 16.02.2011: Wie man Wünsche beim Schwanz packt

Obsessionen

Es macht einfach nur Spaß zuzusehen. Temperamentvoll gespielte Szenen, die ins Surreale gleiten manchmal fast erschreckend emotional sind, in denen plötzlich der Vernunft das Wort geredet wird, die aber gleich danach wieder im Chaotischen zerfließen. Auch die Figuren in dem von Beatrice Murmann in den Galerieetagen in Mitte inszenierten Stück „Wie man Wünsche am Schwanz packt“, das Pablo Picasso 1941 in Paris schrieb, schwanken zwischen ganz typisch wirkenden Menschen , völlig triebhaft gesteuerten Wesen und liebenswerten verträumt-verspielten Gestalten. Sie torkeln durch die Zeit und sind sich ihrer selbst nicht gewiss.

Wir tendieren dazu, unser Wohlbefinden an Dingen festzumachen, zuweilen aber „schießt“ das Unbewusste hier quer, weil die Gefühle etwas anderes wollen als die Ratio es gerade für richtig hält, und schon stehen wir mit uns selbst oder der Umgebung in Konflikt. Genau dies ist Thema des Stückes, das auch – ohne das dies gesagt wird – für etwas weniger Ego und etwas mehr Solidarität plädiert und so durchaus auch einen politischen Aspekt birgt.

Gespielt wird in zwei Etagen, die Zuschauer begleiten die Schauspieler durch diverse Räume, was das Spiel noch aktiver erscheinen lässt. „Wie man Wünsche am Schwanz packt“ hat keine geradlinige Handlung, besteht aus Szenen, die zusammenhängen, aber keine zwingende innere Ablauflogik haben.

Die Begriffe Erotik, Obsessionen, Identität, Gefühl und Sprache werden von Murmann und der 20-köpfigen Compagnie Enkidu-Events kontextuell gepackt und vermitteln so ein Bild des Daseins als Odyssee.

Unter den vielen schönen Szenen beeindruckt besonders diese: ein Mann liegt mit dem Oberkörper nach oben auf einer Treppenstufe und wird von den Frauen bewundert. Ihre Verehrung drücken sie in einer Metaphern-Sprache aus, die an das Hohelied Salomons erinnert. Was anfänglich noch schön, hehr und dadurch ein klein wenig einschüchternd klingt, wirkt plötzlich wegen des zunehmend gesteigerten Pathos` nur noch lustig und wirft so Blicke auf den Zusammenhang zwischen Sprache und Fühlen.

„Wie man Wünsche am Schwanz packt“ ist ein lebendig gespieltes Stück, das viel über das Unbewusste erzählen kann.

Robert Meyer

 

Proud Magazine, Februar 2011: Wie man Wünsche beim Schwanz packt

Das hirnverbrannte Karussell meiner innersten Wünsche

Ein Picasso als Theaterst├╝ck in Berlin Mitte

Impulsiv, provokativ und überraschend anders. Pablo Picassos Theaterstück „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ wird derzeit in den Galerieetagen in Mitte gespielt und schickt das Publikum auf eine Reise in das Unterbewusste. Regisseurin Beatrice Murmann inszeniert das Stück auf zwei Etagen und insgesamt 900m2. Ungewöhnlich: das Publikum begleitet die Schauspieler dabei von Szene zu Szene durch die Galerie.

Wir sehen Picassos triebhaftes Alter Ego „Plumpfuss“ im Zusammenspiel und inneren Konflikt mit verschiedenen Archetypen und Projektionen seiner Selbst. Der Trieb ist dabei die zentrale Kraft, dem sich alle Figuren unterwerfen und an dem sie immer wieder scheitern. Desillusioniert und sich der Tragik ihres Strebens nach dem kleinen Glück bewusst.

Seine suggestive Bildästhetik verdankt die Inszenierung vor allem den Kostümen von Martina Baist, die auch eine der Videoinstallationen schuf. Sie schafft es durch ihren modernen Stil das Stück von 1941 in die heutige Zeit zu versetzen. Picasso beschreibt darin keine fortlaufende Handlung, sondern rein instinktive Empfindungen. Das gefühlte Wort; irrational und assoziativ. Dieses surrealistische Kopfkino an der Schnittstelle zwischen Leidenschaft und krankhafter Obsession lässt seine innere Zerrissenheit an vielen Stellen deutlich werden. Die „ohrenbetäubende Harmonie des überrumpelten Schweigens“. Mit jedem Raumwechsel in den Galerieetagen öffnet sich eine weitere Tür zu Picassos Unterbewusstsein. Plumpfuss selbst beschreibt es gegen Ende der Aufführung als „das hirnverbrannte Karussell meiner innersten Wünsche“. Und das Publikum fährt mit.

Der 20-köpfigen Compagnie Enkidu gelingt mit „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ eine faszinierende und außergewöhnlich intensive Inszenierung über das Surreale. Wie viel Picasso steckt in mir?

Bis zum 27. Februar 2011 kann man sich davon ein eigenes Bild machen. Bewusst und unterbewusst.

Anne Eger

 

Termine jeweils 20 Uhr: 11. Februar - 13. Februar; 17. Februar - 20. Februar; 24. Februar - 27. Februar

Karten unter 030/817 09 057 oder per Mail an karten@picassos-stueck.de 13 €/8 €

Ort: Galerieetagen Spandauer Str. 2, 10178 Berlin, S+U-Bhf Alexanderplatz, S-Bhf Hackescher Markt, neben HBC, Wo ist Picassos Stück

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